#Outfit – Herbstblues

Hallo du,

man merkt, dass der Sommer jetzt endgültig vorbei ist. Abends ist kaum noch genügend Licht für Fotos da, und wenn die Sonne untergeht, kühlt es sofort ab und man bibbert in dem Outfit, dass einen vor ein paar Minuten noch vernünftig warm gehalten hat. Für den heutigen Look habe ich also ganz schön gezittert! 😉 Aber wie ich da stand, meinen Bogen als schickes Accessoire in den steif gefrorenen Fingern und der Hoffnung, dass meine Nase von der Kälte nicht knallrot wird, fühlte ich mich in meiner neuen Weste  trotzdem wie ein Darsteller in einem coolen Endzeitfilm.
nessaherbst (2)
Früher habe ich den Herbst geliebt.
Früher, als ich nur in meinen Kleiderschrank greifen und mir eine dicke Jacke und einen Schal nehmen musste, wenn es draußen langsam kühler wurde. Als ich unbekümmert durch den Wald spazieren konnte, umgeben von bunten Blättern, die im goldenen Herbstlicht so wunderbar leuchteten, und mit meinen Füßen das Laub auf dem Boden aufwirbeln lies. Als ich manchmal die warme Wohnung, meinen kuscheligen Platz am Kamin nur deshalb verließ, weil es sich so gut anfühlte, nach einem Spaziergang in der Kälte wieder nach Hause zu kommen. Als Kekse und heißer Kakao nach ein paar Stunden an der frischen, klaren Luft besonders gut schmeckten.
Meine Lippen sind trocken, und ich befeuchte sie nachdenklich mit der Zunge. Kekse und heißer Kakao. Wann habe ich das letzte mal Kekse gegessen?
nessaherbst (3)Der Wind frischt auf, fährt mir durch die Haare und meine abgewetzte Kleidung bis auf die Haut, zwischen den kahlen Ästen der Bäume kann ich die dunklen Wolken sehen, die zügig über den Himmel ziehen. Ich fröstle. Öffne und schließe meine klammen Hände, verlagere mein Gewicht vorsichtig von einem Fuß auf den anderen, obwohl ich weiß, dass das die Taubheit nicht vertreiben wird. Ich harre bereits seit Stunden hier aus, zusammengekauert am Rand einer Lichtung, notdürftig hinter dem kahlen Dickicht verborgen. Dieser Ort war meine letzte Hoffnung, in den vergangenen Monaten habe ich hier immer Glück gehabt und Wild erlegt. Aber jetzt ist der Herbst da, und die Tiere hören meine Schritte auf dem trockenen Laub, auch wenn ich mir noch so große Mühe gebe, leise aufzutreten. Sie erspähen mich durch die paar kümmerlichen Blätter, die überhaupt noch an den Zweigen hängen, sobald ich nur einen Muskeln bewege. Und ich wette, sie können sogar meinen knurrenden Magen hören, denn die Beerensträucher, die um die Lichtung wachsen und die Wartezeit im Sommer etwas besser gemacht haben, sind längst eingegangen, und auch der Rest meiner Vorräte geht zur Neige.
nessaherbst (1)
Als es dunkel wird gebe ich auf.
Mittlerweile zittere ich so sehr, das meine Zähne klappern und ich sowieso keinen Pfeil mehr abschießen könnte. Ich kann die Finger kaum von meinem Bogen lösen und komme nur schwer auf die Beine. Bewegung, ich muss mich dringend bewegen! Ich rapple mich hoch und hänge mir den Bogen um, stolpere die ersten, unsicheren Schritte auf den Weg zurück und mache mich dann auf den Weg zu meinem Unterschlupf.
Frierend. Hungrig. Müde. Allein.
Wenn mir früher so richtig kalt war, habe ich mir gerne eine Badewanne eingelassen, das Wasser so heiß, das ich eine Gänsehaut bekam, wenn ich hinein glitt, mit jeder Menge dichtem, weißem Schaum darauf. Früher, als ich mich in meinem Bett durch Stapel von Büchern las, während draußen der Regen ans Fenster trommelte und meine Lieblings-Duftkerze ihren flackernden Schatten an die Wände warf. Als meine Familie nur einen Anruf weit entfernt war und wir jeden Oktober zu einem nahe gelegenen Bauernhof gefahren sind, um die aller hässlichsten und größten Kürbisse auszusuchen und Laternen daraus zu schnitzen. Es war ein regelrechter Wettstreit, den mein Vater immer gewonnen hat. Mein Vater…
Einige verirrte Regentropfen fallen vom Himmel und ich setze meine Kapuze auf, schlucke gegen die plötzliche Enge in der Kehle und die Tränen in meinen Augen an. Es war Spätsommer, als der Virus ausbrach, es wurde Herbst, bis meine Familie starb und ich alleine zurück blieb. Ich hasse den Herbst.
nessaherbst (4)
Vielen Dank, dass du bis hierhin gelesen hast – ich hoffe, meine Mini Endzeit-Herbst-Kurzgeschichte hat dir gefallen 🙂 Vielleicht kann ich ja künftig öfter ein paar Textschnippsel auf den Blog stellen, wenn euch das zusagt?
Es grüßt dich
Nessa

Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung, da Marken erkennbar sind. Die Produkte haben wir entgeltlich selbst im Handel erworben

10 Kommentare zu „#Outfit – Herbstblues

Gib deinen ab

  1. Die Kurzgeschichte erinnert mich an einen Roman, den ich mit 13 Jahren mal gelesen habe, leider fällt mir der Titel nicht mehr ein aber es ging um zwei Schwestern, die plötzlich alleine überleben mussten. Sehr stimmungsvoll aber auch ein wenig traurig.

    Wünsche dir einen wundervollen Abend (hoffentlich ganz warm und am Kamin :-))

    Liebe Grüße,
    Lina von https://www.petitchapeau.de/

    Gefällt mir

  2. Wow – was für ein Beitrag. Um es gleich mal vorwegzunehmen – ja, ich für meinen Teil möchte gerne noch weitere solche Kurzgeschichten von dir lesen. Wie wunderbar es dir hier doch gelungen ist, die schönen Seiten des Herbstes und dann auch die trübe Stimmung im Text einzufangen, wie toll du das Gemütliche und das Familiäre, aber schließlich auch die trostlose Endzeitstimmung beschreibst. Dein Outfit steht dir wunderbar und ergänzt den Text perfekt. Ich freue mich schon sehr darauf, Weiteres von dir zu lesen.
    Hab noch einen wunderbaren Tag und alles Liebe

    Gefällt 1 Person

  3. Wow die Kurzgeschichte ist wahnsinng gut, du hast einfach ein Talent mit Worten umzugehen und es hat definitiv perfekt zum Outfit gepasst. Das finde ich ebenfalls richtig toll und steht dir super <3.

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Nessa,
    Das freut mich zu hören <3. Jetzt beginnt ja auch so die klassische Kino Zeit, wo viele große Produktionen anlaufen, ich glaube der November wird dann noch mal richtig vollgepackt sein. Da laufen dann sogar ein paar Filme, auf die ich schon länger gewartet habe.

    Aktuell finde ich eh, dass ein paar tolle deutsche Filme im Kino laufen, jetzt mal abseits vom neuesten Schweiger Film. Aber auch da fasst man mal ein paar andere Dinge auf, was ich gut finde. Hoffentlich geht das 2019 so weiter.

    Gefällt 1 Person

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